Oscarreif

Oscarreif

Titelbild: Vorführung von E.T. – Der Außerirdische  (USA 1982, Regie: Steven Spielberg) im September 1997 im KuKi. THA /Alamy /KuKi / Zeichnung ERIK VAN SCHOOR / KuKi e.V.

Die Synagoge Schlüchtern in der hessischen Kleinstadt Schlüchtern galt lange als verloren: entweiht, von der Stadt verkauft, in eine Fabrik verwandelt. Ab 1995 leuchtete die Synagoge hell durch Kultur, Kino und Veranstaltungen und erhielt dadurch ihre Würde wieder. Erst heute können wir die nachhaltige Wirkung dieser Initiative des Vereins Kuki e.V. auf Stadt, Erinnerungskultur und Bürgersinn vollständig würdigen. Eine unglaubliche Geschichte über die blinden Flecken einer Stadt – spannend wie ein Krimi.

von Heide Buhmann

März 2026 | Lesezeit: 25 Min

Lies diese Geschichte auf dem Tablet – die Bilder kommen dort besonders gut zur Geltung.

Markante Südfassade der neoromanischen Synagoge Schlüchtern, Hessen, mit Radfenster und Rundbogenfries. Spielstätte des Arthouse Kino-Vereins KuKi e.V. Privat/KuKi e.V.

Es gibt Orte, die schweigen lauter als jede Stimme. Ihre Mauern erzählen Geschichten, die nicht verklingen – auch dann nicht, wenn neue Töne, Bilder und Stimmen sie zu überlagern scheinen.

Eine solche Stätte ist die neoromanische Synagoge in Schlüchtern, deren Wandel vom Gebets- und Versammlungsraum über eine Fabrikhalle hin zum Kulturhaus nicht nur den baulichen, sondern auch den geistigen und moralischen Zustand der Nachkriegsgesellschaft spiegelt.

In den 90er Jahren und dem ersten Jahrzehnt des neuen Jahrtausends stand dieses Gebäude sinnbildlich für die Frage, wie Erinnerung gelingen kann, wenn sie nicht in Stein gemeißelt, sondern im gelebten Alltag verankert werden soll.

Alles über meine Mutter (Spanien 1999, Regie: Pedro Almodóvar) lief am 16. Januar 2000 im Arthouse-Kino des KuKi e.V. in Schlüchtern. Kuki e.V. /Moviestore Collection /Alamy

Zwischen Verdrängung und Bewusstwerdung

Dass die Stadt ihre ehemalige Synagoge einem Kulturverein anvertraute, war ein Schritt, der zugleich pragmatisch und programmatisch war – eine Geste, die zwischen Verdrängung und Bewusstwerdung pendelte. Denn die Aufgabe, das schwer beladene Erbe des Ortes mit neuem kulturellen Leben zu füllen, war nicht allein organisatorischer, sondern zutiefst moralischer Natur. In den Händen des Vereins entwickelte sich die Synagoge in den folgenden Jahren zu einem Raum, in dem Kunst und Erinnerung einander nicht ausschlossen, sondern befruchteten – zu einem Ort, an dem die Geschichte nicht museal erstarrte, sondern im Klang eines Konzerts, im Bild eines Films, im Gespräch nach der Vorführung weiterwirkte.

 Kinder des Olymp (F 1945, Regie Marcel Carné) lief im Juni 1996 im Kulturkino Kuki e.V.. Privat/KuKi e.V.

Diese Phase des aufrichtigen, tastenden Umgangs mit der Geschichte verdient es, als Beispiel einer gelungenen Erinnerungskultur gewürdigt zu werden – nicht, weil sie perfekt war, sondern weil sie den Mut hatte, sich der Unvollkommenheit bewusst zu sein. Es steht außer Frage, dass sich der Umgang des KuKi mit der Synagoge und der jüdischen Geschichte einschließlich der Shoa wohltuend abhebt von dem damaligen Umgang der Stadt mit diesem Teil ihrer jüngeren Geschichte, der wohl zurecht mit dem Begriff „Klotz am Bein“ gekennzeichnet werden könnte.

Der Anfang einer Ära lebendiger Erinnerung

Wenn heute eine öffentlich postulierte zeitliche Linie der Erinnerungskultur bezogen auf die ehemalige Synagoge gerne umrissen wird mit den drei Begriffen „Gebetshaus – Fabrik – Kulturzentrum“, (vgl. „Alter Glanz und neue Konzepte“ ­– FAZ-Artikel von Hanns Mattes, 9.04. 2024) dann kann die Würdigung einer Ära der Bewusstwerdung erforderlicher Erinnerungsarbeit nicht erst heute, sondern muss im Jahre 1995 einsetzen, mit der Nutzung der Synagoge als ausgewiesenes Kulturhaus Synagoge und Filmkunststätte des KuKi e.V. und der Arbeit der damaligen Kulturbeauftragten der Stadt, Heidrun Kruse-Krebs.

Über 16 Jahre hinweg – vom Frühjahr 1995 bis zum Sommer 2010 – war der Kuppelsaal im Obergeschoss der ehemaligen Synagoge Schlüchtern die Wirkungsstätte des KuKi e.V.

Säulenbogen im Foyer, an der Abendkasse des Kinos KuKi e.V. Privat/KuKi e.V.

Die Namensgebung „KuKi e.V." ist der Zusammenklang Kultur und Kino. Der Verein hielt all die Jahre ein hochwertiges und vielfältiges Kultur- und Filmangebot für die Bürger und Schulen der Stadt und Region bereit.

Ein Alleinstellungsmerkmal des KuKi war, dass es spätestens ab dem Jahr 1999 jeden Tag des Jahres dieses hochrangige Kulturangebot realisierte. Träger des KuKi war der eingetragene gemeinnützige Verein KuKi Schlüchtern e.V., der mit 100 Aktiven ehrenamtlich diese Arbeit leistete.

Das KuKi war bereits 10 Jahre nach seiner Gründung eine weit über die Grenzen der Bergwinkelstadt bekannte kulturelle Begegnungsstätte im östlichen Main-Kinzig-Kreis, mit zentraler gesellschaftlicher Bedeutung und einem herausragenden europäisch geprägten Arthouse-Filmprogramm, wie es in der Region einzigartig war.

Mit seinem kuratierten Programm von aktuellen Filmen, Filmreihen und täglichen Vorführungen  förderte es den gesellschaftlichen Diskurs, das Soziale Miteinander und trug ganz wesentlich zur Erhöhung der Lebensqualität der Region bei.

 E.T. – Der Außerirdische  (USA 1982, Regie: Steven Spielberg)) lief im September 1997 im Kuki-Kino in Schlüchtern. THA /Alamy /KuKi e.V.

Mehr und mehr erhielt das KuKi im Kulturhaus Synagoge eine Brückenfunktion zwischen gleich mehreren Kulturfeldern, Film, Literatur, Musik, Theater, Kleinkunst. Das Kulturhaus wob die Veranstaltungen ineinander, die Kulturbeauftragte und die KUKI-Programm-Kurateure entwickelten sich zu einem guten effektiven Team. Das Angebot erstreckte sich auf alle Generationen, einschließlich Kinder und Jugendliche.

Vernissage von Christoph Thüngen (Malerei) und Klaus Metz (Skulptur) am 4. März 1999 im Galerieraum. Privat/KuKi e.V..

Das Kuki zahlte Nutzungsentgeld pro durchgeführte Veranstaltung von je 80,- DM an die Stadt, später monatlich pauschalisiert. Ab dem 1.1.2009 sollte die Miete dann mit einem neuen Untermietvertrag jährlich angepasst werden.

Der KuKi e.V. wie auch die Kulturbeauftragte waren sich der besonderen historischen und sakralen Bedeutung der Synagoge sehr bewusst. Dieses Wissen über Ritus und Geschichte fand Eingang in die Gestaltung der Räumlichkeiten sowie in die programmatische Arbeit.

Zusammenspiel von Licht, Raum und Architektur

Mit ihrem Einzug in die ehemalige Synagoge machte sich Heidrun Kruse-Krebs gemeinsam mit meinem Mann Hanspeter Haeseler als Vorstand des KuKi e.V. zahlreiche Gedanken. Es ging sowohl darum, die architektonischen Charakteristika sichtbar zu machen: die Säulen, die von Rundbögen umrahmten Radfenster als Blickfang, die Kuppel.

Blick in die Kuppel mit Kronleuchter, Punktbeleuchtung der Rundbögen und dem KUKI e.V. Kino Monatsprogramm auf der Leinwand. Helmut Abel, 2008

Punktlichter fluteten die Säulen und ließen die Architektur im oberen Saal erstrahlen, ein moderner Kronleuchter war Reminiszenz an den alten verschollenen Synagogenleuchter.

Das KuKi war auch eine Antwort auf die schleichende Verödung öffentlicher Räume.

Die klassisch geformten, samtroten Theatersessel im Halbrund. Privat/KuKi e.V.

Die Synagoge sollte hell sein, viele Lichtquellen haben, wie in Synagogen üblich.
Während der Nutzung als Bibliothek zuvor war diese Raumwirkung für den Besucher nicht gegeben. Zahlreiche ehrenamtliche Arbeitsstunden wurden vom Verein geleistet, um die von der Stadt nur grob renovierten Räume in Gestalt und Funktion zu setzen.

Uns war es wichtig, bereits im Eingangsbereich das Bewusstsein für die Geschichte dieses Ortes wachzuhalten – für die Zerstörung in der Progromnacht und die erneute Entweihung durch die Zerstörung des Thoraschreins in der Nachkriegszeit. Den Eintretenden und allen Besuchern des Filmkunsttheaters sollte spürbar werden, welche ursprüngliche Funktion und geistige Dimension dieser Raum einst besaß.

Der Eingangsbereich wurde als ein Vestibül, wie für europäische Synagogen üblich, (um-) gestaltet. Dort, in dem ersten erhaltenen Säulenbogen auf der rechten Seite, war ein großes Foto platziert, das den einst prachtvoll gestalteten Innenraum der Synagoge samt Thoraschrein in seiner ursprünglichen Gestalt abbildete.

Historische Aufnahme der Synagoge mit Thoraschrein und Kronleuchter, aufgenommen zur Einweihung im August 1898; angebracht 1998 im Foyer des Kulturhauses. Privat/KuKi e.V.

Die wenigen erhaltenen Kultgegenstände der brandgeschatzten Synagoge, die sich im Bestand des Bergwinkel-Museums befanden, wurden in einer Vitrine im nächsten Säulenbogen ausgestellt.

Im dritten Bogen wies eine große Pergamenthaut mit den 130 Namen von jüdischen Familien aus Schlüchtern, Elm und Vollmerz darauf hin, dass diese als Opfer des Nationalsozialismus entrechtet, verschleppt und ermordet worden waren.

Heidrun Kruse-Krebs vor der Tafel der Namen der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus im Foyer des Kulturhauses, angebracht 1998. Quelle: Frankfurter Rundschau, Nr. 196, 1998.

Frau Kruse-Krebs und mein Mann führten, wie ich mich erinnere, zahlreiche Debatten mit dem Besitzer, Fabrikant Herrn Heil, und etlichen Vertretern der Stadt, bis endlich diese eindeutige Tafel der Namen angebracht werden konnte – in Abgrenzung zum bisherigen Schriftzug mit seinem stark verharmlosenden Tenor direkt hinter der Eingangstür.

Ein Ort mit Blick in die Welt und in die Geschichte

Der Saal unter der Kuppel erfuhr eine Neuinterpretation als Versammlungsraum und Begegnungsstätte, entsprechend der altgriechischen Begrifflichkeit „συναγωγή synagōgē“ als Ort der Versammlung, eine Anlehnung an den Grundgedanken der Erbauer, dass sich Menschen darin treffen sollten für ein gemeinsames spirituelles, kulturelles, soziales Erlebnis. Die Magie von Licht und Schatten einer Kinoprojektion unterstützte die Magie des Raums, die große Leinwand, einrollbar im südlichen Seitenschiff platziert, ließ vielfältige Formen des menschlichen Lebens in diesem Raum erstrahlen. Gleichzeitig wurde diese Fläche unter dem südlichen Rundbogen als Bühne für Theater, Lesungen etc. genutzt.

Aufführung Fiddle-Brothers des Wiener Maskentheaters im Kuppelsaal am 12. Juli 2003. Privat/KuKi e.V.

Man kann einen Raum erschaffen und schön ausstatten, aber zum Leben erwacht er erst, wenn Menschen mit ihm in Beziehung treten.

Forrest Gump (USA 1995, Regie: Robert Zemeckis) lief 1995 im KuKi-Kino.. Paramount Pictures /Alamy /KuKi. e.V.

Die ehemalige Synagoge wurde zu einer lebendigen Begegnungsstätte einer demokratischen Stadtgesellschaft.

Gespannte Aufmerksamkeit im Kino. hoozone

Dem KuKi war daran gelegen, dass möglichst viele Menschen aus der Region die Schwellenangst gegenüber diesem Gebäude überwinden konnten. In den letzten Jahren des KuKi in den Räumlichkeiten wies der Rechenschaftsbericht des Vereins jährlich durchschnittlich 450 Veranstaltungen aus, die bis zu 50.000 Besucher erreichten.

Kunst gegen Vergessen – Film als Form der Erinnerung

Fest eingebunden in das Konzept und das Kuratieren des Filmkunstprogramms des Kulturkinos waren explizit Filme, die eine Erinnerungsarbeit an die Shoa und das jüdische Leben leisteten.

Gleich als Eröffnungsveranstaltung des KuKi in der Synagoge 1995 im Saal unter der Kuppel wurde der Film Schindlers Liste bewusst gesetzt. Als Voraussetzung, diesen Film zeigen zu können, investierte der Verein – gleichzeitig ein technischer Quantensprung – in die echte professionelle 35mm Kino-Projektionstechnik.

Ikonische Filmszene aus Schindlers Liste (USA 1993, Regie: Steven Spielberg). Universal Pictures /Landmark Media /Alamy

Der deutsch-mährische Unternehmer Oskar Schindler steht für Eigenschaften, die während der Nazi-Diktatur selten waren: Menschlichkeit und Zivilcourage. Unterstützt von seiner Frau Emilie, rettet er während des 2. Weltkriegs über 1.200 Juden, die er eigens in seinen Fabriken beschäftigte, um sie vor der Deportation und Ermordung im Vernichtungslager KZ Auschwitz-Birkenau zu bewahren .

Dieser Film, für den auch zahlreiche Schulklassen der Schlüchterner Schulen eingeladen waren, blieb programmatisch für die Intention des Vereins, die besondere historische und sakrale Bedeutung der Synagoge zu würdigen, zu respektieren und im öffentlichen Bewusstsein zu halten

Es ist wunderbar, wenn die ehemalige Synagoge mit Leben erfüllt ist, das in die Zukunft schaut und den Blick in die Geschichte offen hält - Iris Berben -

Iris Berben, Präsidentin der Deutschen Filmakademie, mit einer Laudatio auf den KUKI e.V. Peter Hromek/ KuKi  e.V.

Zahlreiche Werke, die mit filmischen Mitteln eine Erinnerungsarbeit beinhalteten, folgten. Darunter waren so wichtige Filme über den Holocaust wie Michael Verhoevens Mutters Courage (1995), Das Tagebuch der Anne Frank, Das Leben ist schön (1997), Comedian Harmonists (1998), Zug des Lebens (1998), Jakob der Lügner (1999), Der Pianist (2002), Der Stellvertreter (2002), Der letzte Zug (2006), Der Junge im gestreiften Pyjama (2008), Der Vorleser (2009).

Vom 27. August bis 2. September des Jahres 1998 folgten 19 ehemalige jüdische Mitbürger und ihre Verwandten einer Einladung der Stadt Schlüchtern anlässlich des 100jährigen Bestehens der Synagoge zu einer Woche der Begegnung. Die Vorbereitungen und der Festakt in der Synagoge fanden auch unter Mitwirkung des KuKi statt. Die Ereignisse hierzu dürften hinlänglich bekannt sein. Ich selbst habe im Rahmen des Programms ein Gespräch zwischen der Familie Wolf und ausgewählten Klassen der Beruflichen Schulen organisiert und moderiert.

Nach der gegenwärtigen Nutzung des Gebäudes als Kulturhaus und Filmkunsttheater befragt, haben mir damals zahlreiche ehemalige jüdische Bürger sowie Herr Jachmann als Vertreter des jüdischen Landesverbandes in Hessen ausdrücklich versichert, dass sie es außerordentlich begrüßen, so ein quicklebendiges kulturelles Leben in der ehemaligen Synagoge zu wissen.

Die Grande Dame des deutschen Kinos, Iris Berben, langjährige Präsidentin der deutschen Filmakademie und für ihr soziales und politisches Engagement gegen Antisemitismus mit der höchsten Auszeichnung des Zentralrats der Juden in Deutschland, dem Leo-Baeck-Preis, ausgezeichnet und sehr engagiert in der Erinnerungskultur, lobte dieses Engagement wie folgt:

„Es ist wunderbar, wenn die ehemalige Synagoge mit Leben erfüllt ist, das in die Zukunft schaut, die Gegenwart kulturell gestaltet und damit auch die Erinnerung wach hält. Ein derartiges Filmkunsttheater ist besonders, bereichert die Region und bringt gerade auch junge Menschen zusammen. Das Kuki schafft Kultur und Niveau. (…) Dieses kleine engagierte Filmtheater gibt ein hervorragendes Beispiel, wie jungen Leuten ein Bewusstsein für ein Kino vermittelt wird, das den Blick in die Welt und in die Geschichte offen hält, das für die Verständigung der Kulturen wirbt und wiederkehrend die Auseinandersetzung mit jüdischer Geschichte und dem Holocaust ermöglicht.

Stolz einer demokratischen Stadtgesellschaft

In der Synagoge Schlüchtern entsteht weitab der großen Kulturzentren ein Raum für Begegnung, Bildung und Filmkunst.

Schritt für Schritt wird sie ein Ort zwischen Provinz und Welt, in dem die großen Geschichten des Kinos ihren Weg auf die Leinwand finden und sich die Stadtgesellschaft präsentiert –wo sich zeigt, dass aus bürgerschaftlichem Engagement kulturelle Lebendigkeit und Leichtigkeit wachsen können.

Die fabelhafte Welt der Amélie (Frankreich 2001, Regie: Jean-Pierre Jeunet) war im Oktober 2001 im Programm. KuKi e.V./ Claudie Ossard Productions /UGC /Alamy

Flache Hierarchien, offene Beteiligungsformen und gegenseitige Wertschätzung prägen das Miteinander. Wer wollte, konnte mitarbeiten – ohne Mitgliedsbeiträge, ohne formale Verpflichtungen. Diese Haltung war zutiefst demokratisch: das gemeinsame Tun als Grundlage einer aktiven Stadtgesellschaft. Das Kino stärkte zugleich die Medienkompetenz junger Menschen, bot filmische Bildungsangebote und machte erlebbar, wie Film als Kunstform und als Kommunikationsmittel wirkt.

Mehrere Generationen brannten im Laufe der Zeit für diese kulturelle Idee und engagierten sich.

Viele nutzen das Kino, um eigene Themen sichtbar zu machen: Pro Familia feiert die Premiere eines selbstinszenierten Films über Sexualität von Menschen mit Behinderung und etabliert eine Reihe über „Liebe und so Sachen“ unter der Kuppel. Ortsvereine der Landfrauen sind zu Gast. Die psychosoziale Beratungsstelle Rosengarten lädt im Rahmen des „Café Kirre“ zu Sonntagsmatineen mit Frühstücksbuffet ein.

Das Kinderkino wurde zu einer festen Größe mit aktuellen Produktionen und einer Kooperation mit Filmtheatern in Frankfurt.

Kinderkino im KUKI – aktuelle Kinderfilme und Klassiker liefen jedes Wochenende. Hier: Der König der Löwen (USA 1994, Regie: Roger Allers, Rob Minkoff). Im Oktober 1995 im Kuki-Programm. Maximum Film /Walt Disney Pictures /Alamy /KuKi

Die Vokalgruppe der Rehmschen Chöre eröffnet eine Vorstellung des Films „Comedian Harmonists“ mit „Der kleine grüne Kaktus“ und „Veronika, der Lenz ist da“ vor der Leinwand. Die Gymnastik-Gruppe des Turnvereins erinnert sich bis heute an die energiegeladene Satire auf die Modewelt „Der Teufel trägt Prada“. Die Kulturgesellschaft wählt „Amadeus“ für ihre 50‑Jahr‑Feier. In Kooperation mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Main‑Kinzig‑Kreises entsteht die Reihe „Film & Psyche“. Für den Kultur- und Freizeit-Verein Planemächer 2000 ist die rabenschwarze Sozialkomödie „Lang lebe Ned Devine“ zur Legende geworden – sie inszenieren jährlich einen „Filmabend mit Schnittchen“ im Kuki.

Wenn Harry Potter und der Stein der Weisen Premiere hat, verwandelt sich das Foyer in Hogwarts. Kinder kommen verkleidet, die Fassade leuchtet, die Bar riecht nach Abenteuer. Und wer braucht schon Multiplexe, wenn sich im Kukikino gute Filme und Freundschaft treffen?

Junge Besucher nach der Filmvorstellung im Foyer. Privat/Kuki e.V.

Die örtliche Volkshochschule zeigt regelmäßig Filme in Originalsprache. Im Kulturhaus treten viele lokale Akteure auf, Ausstellungen bildender Künstler, Jazz und Musik-Events, Vorträge locken, sehr viele Menschen gaben sich die Klinke in die Hand.

Großes Kino, als Volker Schlöndorff nach Schlüchtern kommt. Unter der Kuppel läuft eine Werkschau seiner Filme: Homo Faber,Der junge Törless und Die Blechtrommel. Schüler präsentieren eine kleine Ausstellung, es entsteht ein Gespräch über Literatur, Verantwortung und das Handwerk des Sehens.

Filmszene aus Homo Faber (F, D 1991, Regie: Volker Schlöndorff). Moviestore Collection / Alamy

Später schreibt Schlöndorff aus New York: „Der Abend in Schlüchtern war unvergesslich.“

In solchen Momenten wächst das KuKi hinein in seinen eigenen Mythos: ein Ort, an dem Licht und Geschichte verschmelzen, wo Gemeinschaft entsteht im Schatten der Leinwand – und wo aus Filmkultur ein Leuchten wird, das weit über Schlüchtern hinausstrahlt.

 

Wie ein Kino die Provinz zum Leuchten bringt

Manchmal genügt ein kleiner Saal, um einer Stadtgesellschaft ein neues Zentrum zu geben. Das KuKi, als gemeinnütziges Kulturkino gegründet, versteht sich nicht bloß als Leinwandbetrieb, sondern als Labor des Zusammenlebens. Kino, so seine stille Behauptung, ist mehr als Projektion – es ist ein öffentlicher Raum, in dem Fragen von Wahrnehmung, Zugehörigkeit und Demokratie sichtbar werden.

Das KuKi ist damit mehr als Infrastruktur. Es ist eine Antwort auf die leise Verödung öffentlicher Räume in der Fläche. Wenn lokale Vereine, Chöre oder Beratungsstellen dort mitwirken, wenn aus Kooperationen Filmreihen entstehen oder Matineen mit Buffet, dann zeigt sich eine besondere Qualität: Kultur wird hier zum Medium sozialer Selbstverständigung. Menschen erfahren, dass sie ihr Umfeld gestalten, Geschichte lebendig halten können.

Das KuKi setzt auf Filmschaffende und Filme, die Haltung zeigen, ohne die Magie des Erzählens zu verlieren.

Manchmal genügt ein kleiner Saal, um einer Stadtgesellschaft ein neues Zentrum zu geben – ein Ort an dem sich Welt und Nähe begegnen.

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Oben: Drei Farben: Blau im Kuki. (Frankreich, Polen 1993. Regie Krzysztov Kieślowski. Der Film thematisiert den Begriff der "Freiheit" - inspiriert von den drei Farben der französischen Trikolore. KuKi/ MK2 -CED -FR3 Films-CAB Productions -Studio Tor. Darunter: Programmflyer KuKi-Kino. Privat/KuKi e.V.

Gut besucht sind Literaturverfilmungen und internationale Filmstories, die Eleganz und subtile Nuancen in ihren zeitlosen Geschichten widerspiegeln.

Filmszene aus In the Mood for Love (Hongkong, Frankreich, Thailand 2000, Regie: Wong Kar-Wai). Der Film lief Januar 2001 im KuKi-Kino. TCD/Prod.DB /Alamy

Das Kino behauptet sich als wichtiger Ort in einer digital überformten Welt – als Raum, in dem Wahrnehmung, Austausch und Gemeinschaft wieder ungeteilt stattfinden.

Viele Jugendliche sind Teil des Ganzen. Sie betätigen sich an der Ticketkasse, der Bar und lernen das Filmhandwerk des Vorführens.

Technisch zieht das KuKi mit: digitale Projektoren, Dolby‑Sound, Online‑Tickets. Doch die Struktur bleibt ganz viel Handarbeit, Liebe und Impro‑Talent.

Das Kino fungiert als neutrale Zone zwischen Arbeit und Privatheit, eine Art dritter Ort, der Begegnung ermöglicht, ohne Konsumzwang, aber mit Vorfreude auf das Gemeinsame.

Dass ein Regisseur wie Volker Schlöndorff den Besuch „unvergesslich“ nennt, verweist auf mehr als cineastische Begeisterung: Es zeigt, dass auch abseits kultureller Zentren jene Intensität entstehen kann, die Kunst und Gesellschaft auf Augenhöhe bringt.

Programmtafel am Kulturhaus mit Plakaten. Privat/KuKie.V. 2002

Vielleicht liegt darin sein leises Versprechen: dass Provinz nicht Stillstand bedeutet, sondern konzentrierte Aufmerksamkeit – eine Form des Sehens, die zugleich Weltwissen und Nähe erzeugt.

Mit der Jahrtausendwende öffnete sich das Tor in die Zukunft: digitale Kameras, neue Erzählweisen, eine andere Ästhetik des Blicks. Hollywood schickt Findet  Nemo, Shrek 2 und Ratatouille auf die Reise, während in Europa Regisseure wie Andreas Dresen mit Halbe Treppe, Pedro Almodóvar mit Alles über meine Mutter, Thomas Vinterberg mit Das Fest oder Wim Wenders mit Buena Vista Social Club dem Kino eine neue spannende Stimme geben.

Europäisches Arthouse als fester Bestandteil des Programms. Oben: Volver (Spanien 2006, Regie: Pedro Almodóvar) im Aug. 2006 im Kuki-Kino.. Entertainment Pictures /Alamy. Unten: Das Fest (Dänemark, Schweden 1998, Regie: Thomas Vinterberg), im März 1999 auf der KuKi-Leinwand. TCD/Prod.DB /Alamy

Brot und Tulpen (Italien 2000, Regie: Silvio Soldini) mit Bruno Ganz und Licia Maglietta im März 2001 im KuKi.. IFA Film /United Archives /Alamy

Schon Jahre zuvor schloss sich das KuKi der Gemeinschaft europäischer Arthouse-Kinos an. Mit der Aufnahme in die AG Kino – Gilde deutscher Filmkunsttheater sowie der Mitgliedschaft in der Confédération Internationale des Cinémas d’Art et d’Essai (CICAE) wurde es Teil des internationalen Netzwerks von über 2.400 Arthouse-Kinos mit mehr als 3.300 Leinwänden in 45 Ländern.

Während das amerikanische Kino mit Superhelden expandierte (Spider-Man, Batman Begins, Iron Man), profiliert sich das KUKI als Ort des europäischen Autorenfilms, Gegen die Wand von Fatih Akin, Das Leben der Anderen von Henckel von Donnersmarck oder Hanekes Das Weiße Band standen für ein Kino, das gesellschaftliche Konflikte und historische Verantwortung verhandelte.

Im Sommer wird die Leinwand draußen gespannt, Kino unter Sternen, Cocktails in der Hand, der warme Geruch von Abendluft. Kuki on Tour, das war mehr als Kino, das war ein Lebensgefühl.

Im Juni 2009 läuft Der Vorleser, der gerade einen Oscar erhalten hat. David Kross, der junge Hauptdarsteller des Films neben Kate Winslet, ist auf Einladung des KuKi-Teams persönlich nach Schlüchtern gekommen. Er gibt Einblick in den aufregenden Dreh, erzählt von Scham und Nähe. Es entsteht ein intensiver Dialog mit dem Publikum über Verantwortung und Erinnerung über die Aufgabe des Schauspielers, Erinnerung zu verkörpern.

Werkstattgespräch mit David Kross, Hauptdarsteller in Der Vorleser (USA, Deutschland 2009, Regie: Stephen Daldry). Privat/KuKi e.V.

KuKi wird in den Jahren 2008 bis 2010 mit zahlreichen Preisen für sein herausragendes Programm ausgezeichnet. So mit dem Hessischen Kinopreis, und mehrfach mit dem Programmkinopreis des BKM (Bundeskultur-Staatsminister). Viele bezeichnen das Kuki-Kino als eines der schönsten Kinos Deutschlands.

Hessischer Kinopreis 2008. Susanne Lasser und Hanspeter Haeseler nehmen als Vorstandsmitglieder die Auszeichnung in der Alten Oper Frankfurt entgegen. Helmut Abel, 2008

Kulturstaatsminister Bernd Neumann ehrt das KuKi in Hamburg mit dem Programmkinopreis 2009. Die Vorstände Susanne Lasser, Malte Strietzel, Hanspeter Haeseler im angeregten Gespräch mit dem Kulturminister über den Erhalt von Kinos in kleinen Städten.   H.-W. Kruse / Privat/KuKi e.V.

Doch während der Verein zahlreiche Programmpreise erhält, steht die Zukunft der Spielstätte auf dem Spiel.

Das Ende des KuKi in der Synagoge war bitter, aber entsprach konsequent dem bisherigen Umgang der Stadt Schlüchtern mit dem Gebäude.

Die zweite Zerstörung 1955 – vom Sakralbau zur Fabrikhalle

Wie bekannt, verkaufte die Stadt Schlüchtern in den Jahren des wirtschaftlichen Aufschwungs (1955) die Synagoge als „Werkhaus“ an einen Textilfabrikanten. Dieser ließ unter den Augen der Amtsträger im selben Jahr den Thoraschrein herausreißen und zog eine Zwischendecke mit Stahlträgern in das Gebäude ein.

Erst in der Zeit des Wirtschaftswunders wurde der Thoraschrein entfernt und eine Zwischendecke eingezogen.

Das Sakrale der Synagoge wurde damit unwiederbringlich zerstört. Die Synagoge wurde in den Augen der Öffentlichkeit zu einem profanen Wirtschafts-Gebäude. Die Fakten sind ja bekannt, und bis heute wurde dieser Akt der brutalen zweiten Zerstörung der Synagoge bezüglich der Verantwortung der Kommunalen Verwaltung nur oberflächlich aufgearbeitet. Die Folgen ziehen sich bis in die Zeit des KuKi in der Synagoge und entfalteten dort nochmals eine unheilvolle Wirkung.

Bei der Neubestimmung der ehemaligen Synagoge als Kulturhaus im Jahr 1995 wurde auf die erforderlichen Anpassungen an ein Kulturhaus als Versammlungsstätte verzichtet. Das Gebäude blieb baurechtlich als Fabrik und Lagerhalle der EKA Kleider GmbH & Co eingetragen, was dem Besitzer der Kleiderfabrik auch steuerliche Vorteile brachte. Das barg nicht nur das versicherungstechnische Risiko hinsichtlich einer möglichen Fehlerhaftigkeit von Schadenverteilungen und Prämiengestaltung, sondern man riskierte Leib und Leben der Besucher, wenn aufgrund der nicht erfolgten baurechtlichen Umnutzung sicherheits- und brandschutztechnische Voraussetzungen für den neuen Zweck nicht vorgehalten werden mussten. Für das KuKi, dem all diese Hintergründe unbekannt waren, sollte das fatale Folgen haben.

Ende 2008 schloss die Stadt einen Untermietvertrag mit dem KuKi über die weitere Nutzung der Synagoge für die Dauer von sechs Jahren, beginnend mit dem 1. Januar 2009. Dieser wies explizit „zwei Kinosäle“ als Gegenstand der Nutzung durch das KuKi in der Synagoge aus. Neben dem bisherigen Saal im OG unter der Kuppel sollte nun auch der im EG verwaiste Galerieraum für kulturelle Veranstaltungen und Kino genutzt werden.

Ehemaliger Galerieraum des Kulturhauses. Das KuKi hatte 2008 ein neues Nutzungskonzept vorgelegt. Privat/KuKi e.V.

Dieser Saal sollte neugestaltet werden als kultureller Veranstaltungsraum für Kleinkunst, Lesungen, Film, Theater. Ein Finanzierungskonzept der Maßnahme durch den KuKi-Verein lag vor. Der Verein hätte folgende Mittel zur Verfügung gehabt:

100.000,- Euro Eigenmittel des KuKi (Rücklagen einschließlich der Programmkino-Prämien für herausragende Filmprogramme des KuKi vom Land Hessen und vom Kulturstaatsminister in Berlin)

Weitere 100.000,- Euro Fördermittel der FFA, Filmförderanstalt in Berlin, (Bewilligungsbescheid lag vor).

150.000, – Euro Europäische Fördermittel, Landesförderung „Leader“, (Bewilligungsbescheid lag vor).

Die beabsichtigten Entwürfe waren im Einverständnis mit der Denkmalschutzbehörde entwickelt worden. Auch Mittel des Denkmalschutzes für eine Neugestaltung des Raums im EG für Bühne/Kino/Kleinkunst waren dem KuKi vom Landesamt für Denkmalpflege, Wiesbaden, in Aussicht gestellt worden.

Ein Vertrag mit tückischer Klausel

Es kam jedoch anders: Die Stadt Schlüchtern hatte in den Mietvertrag mit dem KuKi eine Haftungsausschlussklausel aufgenommen, die von einem Stadtverordneten dem KuKi gegenüber wie folgt kommentiert wurde: „Damit habt ihr euer Todesurteil unterschrieben, für den Fall, dass etwas passiert“, was den Vorstand des KuKi sehr verunsicherte. Der Verein sollte zudem eine Diebstahlversicherung abschließen. Die vom KuKi angefragte Sparkassenversicherung, bei der auch die Stadt ihre Gebäude versichert hatte, erklärte nach Prüfung des Gebäudezustands durch ihren überregionalen Sachverständigen, dass die Versicherung das Gebäude in diesem Zustand nicht versichern könne. Das KuKi schrieb einen Brief an die Stadt, die jedoch nicht tätig wurde.

Daraufhin stellte das KuKi sein Programm vorläufig ein und beauftrage den TÜV Hessen, die angemieteten Räume sicherheitstechnisch zu überprüfen. Die gutachterliche Stellungnahme des TÜV vom 27.10.2009 stellte als Ergebnis der Prüfung fest, dass erhebliche Sicherheitsmängel in dem Gebäude existieren.

Zugenagelte Fluchttür Galerieraum EG. Privat/KuKi e.V.

Die gefahrlose Entfluchtung aus den Räumlichkeiten insbesondere des ehemaligen Galerieraums und des Kulturbüros der Stadt im EG waren nicht gewährleistet. Der Notausgang aus dem Galerieraum war mit Brettern zugenagelt, die Fenster vergittert. Durch das Foyer führte unzulässigerweise eine Gasleitung. Und es fehlten die für öffentliche Räume vorgeschriebenen Brandschutztürverschläge an den Eingangstüren. Damit war dringender Handlungsbedarf gegeben!

Eine der letzten Vorstellungen: Weihnachtsfilm in der Synagoge unter Feuerwehr-Brandschutz. Privat/KuKi e.V.

Das KuKi erwartete von der Stadt, diese Mängel rasch zu beseitigen, solange wurde das KuKi-Programm ausgesetzt.

Doch nun begann ein Gezappel zwischen Bürgermeister, Stadtverwaltung und dem Besitzer der Synagoge.

Schlagzeilen von damals

Um es kurz zu machen – die Diskussion war inzwischen in der Öffentlichkeit, das Parlament setzte sich dafür ein, das KuKi zu erhalten. Dann, vor der entscheidenden Sitzung, als das Parlament einen entsprechenden Beschluss fassen wollte, verkündete der Bürgermeister, dass der Besitzer, Fabrikant Herr Heil, das KuKi nicht mehr in seinen Räumen haben möchte, dieser unterstrich dies mit Rufmord gleichkommenden Beleidigungen, das KuKi zeige in einem Gotteshaus pornografische Filme, veranstalte dort Orgien und fordere von ihm als Besitzer goldene Wasserhähne.

Das bittere Ende des KuKi in der Synagoge markiert einen Kulturbruch.

 

Ein bitteres Ende – das moralische Versagen der Stadt

Es ließe sich jetzt über diese Zeit viel sagen, aber wichtig erscheinen mir in der Betrachtung drei Punkte:

1. Der Brandschutz in dem Gebäude war nicht gewährleistet – und das vor allem in den Räumlichkeiten im EG, in denen die Stadt selbst Veranstaltungen durchführte und die sie an Dritte zur Nutzung vergab. (Ich weiß wovon ich spreche, denn ich war selbst über ein 1/2 Jahr von der Schule aus mit einer Schulklasse im ehemaligen Galerieraum der Synagoge „einquartiert“, ohne zu wissen, welcher Gefahr wir ausgesetzt waren – aufgrund der vergitterten Fenster, einer zugenagelten Tür, die den zweiten Fluchtweg versperrte, sowie brennbarer Materialien.)

2. Im Verlauf der öffentlichen Debatte musste der Bürgermeister kleinlaut bekennen, dass das Gebäude baurechtlich noch nicht einmal zum Versammlungs- und Kulturhaus umgenutzt war. Einlassung des Bürgermeisters auf eine Anfrage der CDU: „Für die derzeitige Nutzung liegt keine baurechtliche Genehmigung vor.“ (Niederschrift über die 32. Öffentliche Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am Montag, 2.10.2009.)

3. Die Stadtverwaltung hatte einen Untermietvertrag mit dem KuKi über sechs Jahre abgeschlossen über „Kinoräume“, beginnend mit dem 01.01.2009. Dabei hatte die Stadt nicht mal einen gültigen Hauptmietvertrag mit der Kleiderfabrik in der Tasche, – wie später in der Presse herauskam. Der Hauptmietvertrag der Stadt mit dem Fabrikanten war ausgelaufen und nicht an die Laufzeit des Untermietvertrags mit dem KuKi angepasst worden.

Dies zeigt den fahrlässigen und schludrigen Umgang der Stadt mit dem Gebäude und bewahrheitet die These vom „Klotz am Bein“.

Natürlich wäre in Sachen Gebäudesicherheit zunächst einmal der Besitzer gefordert gewesen, hier die entsprechenden Voraussetzungen für die Immoblie zu schafffen, denn er hatte das Gebäude für kulturelle Zwecke vermietet und ihm war bewusst, dass es als Kulturhaus der Stadt genutzt wird.

Die Stadt hätte auf jeden Fall, wenn sie einen sorgsamen Umgang mit dem Gebäude gepflegt hätte, eine Sorgfaltspflicht gehabt, für ein „Kulturhaus Synagoge“ die entsprechenden baurechtlichen Genehmigungen und sicherheitstechnischen Voraussetzungen vorzuhalten.

Stattdessen nahm sie ohne Räumungsanspruch oder Räumungsurteil am 30. Juni 2010 eine Zwangsräumung des KuKi vor durch den Austausch der Schlösser (angeblich in Abstimmung mit dem Eigentümer). Das war moralisch unwürdig und juristisch die Anwendung einer Art „Wild-West-Faustrecht“ (Verbotene Eigenmacht). 

KuKi war damit in den tiefen Schatten der Geschichte und eines sorglosen Umgangs mit dem Gebäude gefallen.

Im Ergebnis wurde im Jahr 2010 gegenüber einer engagierten Zivilgesellschaft und der Synagoge eine große Chance vertan.

Stimmen von Regisseuren - Mahnungen aus der Welt der Filmkunst

Es verhallten die mahnenden Worte, die der renommierte Regisseur Michael Verhoeven angesichts der Räumung des KuKi aus der Synagoge an die Stadtverantwortlichen richtete:

Gäbe es das KUKI Schlüchtern nicht, müsste man es umgehend gründen - Senta Berger, Michael Verhoeven –

Senta Berger und Michael Verhoeven beim Berlinale Filmfestival 2013. Siebbi / ipernity.com / CC BY 3.0.

„Gäbe es das KUKI Schlüchtern nicht, müsste man es umgehend gründen (...). Das KUKI hat eine Bedeutung über die Stadt Schlüchtern hinaus für die gesamte Region. Es wirft mit Verlaub ein sehr trübes Licht auf die Verantwortlichen der Stadt Schlüchtern, dass sie nicht alles tun, um diese besondere herausragende Kinokulturstätte zu bewahren und zu fördern. Ich wage die These, dass eine Schließung des Kinos als katastrophale Entscheidung in die Annalen der Stadt Schlüchtern eingeht und in Zukunft auch von denen erkannt wird, die jetzt zögern und sogar das Ende betreiben. Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr verehrte Damen und Herren Stadtverordnete, tun Sie bitte alles, um die Stadt Schlüchtern vor dem Verlust einer für Deutschland vorbildlichen Kino-Kultur-Stätte zu bewahren. Mit besten Grüßen auch im Namen meiner Frau Senta Berger, Michael Verhoeven".

Verhoeven verfilmte unter anderem Die Weiße Rose – die Geschichte der Geschwister Scholl (1990), sowie Zug des Lebens (1998) und drehte 2008 den Dokumentarfilm Menschliches Versagen, in dem es um den Umgang der Deutschen mit jüdischem Eigentum geht. Der Regisseur wurde dafür in Berlin beim jüdischen Filmfest mit dem Preis für den besten deutschen Dokumentarfilm ausgezeichnet – also ein ausgewiesener Kenner des Themas Erinnerungskultur. Er hatte sich für eine Podiumsdiskussion in Schlüchtern angeboten.

„Es ist leicht, etwas abzuwickeln, fast unmöglich, es je wieder entstehen zu lassen“ - Schlöndorff

Volker Schlöndorff, Regisseur und Oscar-Preisträger, schätzte die besonderen Proportionen des Raumes. Privat

Volker Schlöndorff, dessen Spielfilm Die Blechtrommel mit dem Oscar ausgezeichnet wurde, lernte bei einem Besuch in der Synagoge im März 1998 die Kulturarbeit des Vereins KuKi schätzen. Er schrieb am 7. August 2010 aus New York einen besorgten öffentlichen Brief zu den Ereignissen in der Bergwinkelstadt mit einer lebensklugen Einschätzung zum Schluss: „Der Besuch im Kino Schlüchtern war für mich unvergesslich, ein bewegender Abend. Die Geschichte des Hauses vormals Synagoge, hat dazu ebenso beigetragen wie die schönen Proportionen des Saales und die Anteilnahme des sehr filmkundigen Publikums. (…) Ich war stolz, dass es in Schlüchtern ein solches Kino gibt und einen solchen Verein von Filmfreunden. Nun erfahre ich, dass all das in Gefahr ist (…) Es ist leicht etwas abzuwickeln, das über Jahre entstanden ist. Es ist fast unmöglich, es je wieder entstehen lassen.“

Das Gebäude blieb über 13 Jahre lang leer stehen, wurde dem weiteren Verfall überlassen und verfiel in eine Art Dornröschenschlaf. Nun soll es mit viel Anstrengung und hohem finanziellem Aufwand wieder zu einem Ort der Kultur und Besinnung entwickelt werden.

Die Zeit des KuKi zu einem Teil der Stadtidentität werden lassen

Das Wirken der Menschen um das KuKi war weit mehr als der Versuch, Erinnerung zu bewahren – es war ein lebendiger Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart, geführt mit den Mitteln von Kunst, Kultur und Film. In der ehemaligen Synagoge wurde Geschichte nicht museal erstarrt, sondern in Bewegung gesetzt – im Licht der Projektion, im Klang der Musik, im Wort der Begegnung.

Das KuKi stellte sich früh einer notwendigen Erinnerungsarbeit. Es war Spiegel und Impuls zugleich, öffnete Räume für Nachdenken, Austausch und Empathie, verband Menschen über Grenzen hinweg und hielt die Stadtgesellschaft im Gespräch mit sich selbst. Die Kraft der Kultur, die das Kuki in seinem täglichen, vielfältigen Programmangebot entfaltete, ließ im Alltag spürbar werden, wie lebens- und liebenswert eine Region sein kann.

Die Bedeutung, die dieser Ort über soziale Grenzen hinaus hatte, äußerte sich nicht zuletzt in einem eindrucksvollen Engagement der Menschen für den Erhalt unter der Losung „Ich liebe dieses KUKI“.

Der ikonische KuKi-Sticker "Ich liebe dieses KUKI". Menschen aus der gesamten Region ließen sich damit fotografieren und zeigten, welche persönliche Bedeutung das KuKi in der Synagoge für sie hatte. Privat/KuKi e.V.

Vielleicht wäre es für die Stadt nun an der Zeit, den Blick zu klären – auf die eigene Nachkriegsgeschichte, auf den leichtfertigen Umgang mit dem Gebäude und auf jenes Kapitel, in dem ein Kulturverein mit geradem Rückgrat und Hunderten aktiver Bürger bereits in den Neunziger Jahren diese Aufgabe übernahm: die Erinnerung an diesem Ort wachzuhalten und die verletzte Architektur des geschundenen Gebäudes sichtbar werden zu lassen.

Die Stadt Schlüchtern hat bis heute diesen wichtigen Abschnitt ihrer eigenen Geschichte weitgehend ausgeblendet und im Archiv versenkt. Nichts über den fahrlässigen Umgang mit der Synagoge oder die wertvolle Kultur- und Erinnerungsarbeit des KuKi-Vereins findet sich in der öffentlichen Stadtgeschichte und Publikationen. Dabei war KuKi mehr als ein Verein, der Erinnerung bewahrte: Er machte Geschichte lebendig, setzte Vergangenheit in Bewegung und schuf einen Bezug zwischen Generationen, Kunst und Gesellschaft.

Erinnerungskultur kann nur gelingen, wenn Engagement gewürdigt, historische Räume geschützt und die Wahrheit nicht verschwiegen wird. Die Stadt sollte diese Zeit anerkennen, den Beitrag des KuKi würdigen und sie als festen Bestandteil ihrer gelebten Identität aufnehmen. Nur so kann aus Versäumnis Erinnerung werden.

Impressum


Heide Buhmann · Feierabendgrund 12 · 36381 Schlüchtern · Deutschland
E-Mail: mail@kukikino.de
Verantwortlich für den Inhalt (§ 18 Abs. 2 MStV): Heide Buhmann

Diese Geschichte wurde kürzlich auch vom Kreisausschuss des Main-Kinzig-Kreises, Zentrum für Regionalgeschichte, veröffentlicht. Sie finden Sie als Titelgeschichte im soeben erschienenen Mitteilungsblatts unter der Überschrift „Kultur als Gewissen einer Stadtgesellschaft. Über die Kulturarbeit des KUKI e. V. in der ehemaligen Synagoge Schlüchtern“.

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